"Wir haben die verdammte Verantwortung"

Umweltministerin wirbt für einen NP Rhön

Mit Verspätung fängt die offene Sitzung der Stadt-und Gemeinderäte auf dem Kreuzberg im proppenvollen Antoniussaal an. Die Luft ist so stickig wie die Stimmung. Das „Empfangskomitee“, wie Bürgermeister Georg Seifert aus Bischofsheim die Demonstration der Nationalparkgegner nennt, hat sich teilweise im Saal eingefunden. Bei der Vorstellungsrunde fehlen die beiden Landräte Habermann und Bold. Sie kümmern sich immer noch um die Sorgen der Demonstranten vor der Tür.


Birgit Erb: "Stillstand ist Rückschritt".

Kreistagsvorsitzende Birgit Erb eröffnet die Sitzung mit den Worten „Stillstand ist Rückschritt“ und reagiert damit auf die Aussage „Die Rhön soll bleiben wie sie ist“. Sie zeichnet den Werdegang der Rhön von Naturpark über Biosphärenreservat und jetzt vielleicht bald Nationalpark nach. Immer habe es Kritiker gegeben. Doch mittlerweile zieht die Auszeichnung „Biosphärenreservat“ viele Leute in die Rhön. Man habe eine Verantwortung zur Fortentwicklung der Region.

NP Bayerischen Wald: 95% Akzeptanz

Blick voraus:
Blick voraus: Wird der Übergang vom der Dialogphase in die Konzeptionsphase gelingen?

Inzwischen haben sich Landrat Thomas Habermann und Thomas Bold durch die Reihen des vollbesetzten Saales nach vorne gezwängt und die bayerische Umweltministerin Ulrike Scharf ergreift das Wort. „Ich möchte mit Ihnen diskutieren, alle Argumente hören und es ist absolut in Ordnung, dass man demonstriert“, begrüßt Scharf die Teilnehmer und Zuschauer der Sitzung. Sie verweist aber auf Umfragen aus dem bayerischen Wald, die ergeben haben, dass 95% der Bevölkerung den Nationalpark Bayerischer Wald (Gründung 1970) nun befürworten.

Im Moment befinden wir uns am Anfang einer intensiven Dialogphase. Es soll ein Nationalpark-Ausschuss, der aus den Bürgermeistern der Kommunen besteht, gebildet werden, zudem wird ein Beraterausschuss eingesetzt. Außerdem werden Arbeitsgruppen gebildet, die sich mit bestimmten Themen näher befassen. Es werden Bürgerversammlungen zum Thema und eine weitere Infoveranstaltung im Landkreis Kissingen stattfinden. Ende Juli soll entschieden werden, welche der vier Regionen, die im Rennen sind (Spessart, Frankenwald, Donauauen, Rhön), in die Konzeptphase einsteigen sollen. Thomas Habermann stellt klar, dass zwar ein ernsthaftes Interesse an einem Nationalpark vorhanden sein muss, um in die Konzeptionsphase überzugehen, es muss aber in jeder Phase möglich sein noch auszusteigen.

Investitionen in Millionenhöhe schaffen Arbeit

300-jährige Buche:
300-jährige Buche: Fasziniert Touristen wie Einheimische.

Üppige Ausstattung
Ein Nationalpark kann jährlich mit 10 Millionen Euro rechnen. Darin sind noch keine Sonderinvestitionen für Besucherzentren und anderen Infrastruktureinrichtungen einbezogen, die ebenfalls vom Freistaat Bayern getragen werden. Den Kommunen entstehen also keine Mehrkosten.



Arbeitsplätze
Allein in der Nationalparkverwaltung werden dauerhaft ungefähr 100 Stellen entstehen. Außerdem ist zu erwarten, dass sich durch den steigenden Tourismus auch neue Arbeitsplätze in der Gastronomie und im Hotelgewerbe ergeben. Außerdem werden im Nationalpark auch Waldarbeiter, Forstwirtschaftler, Umweltpädagogen und Forscher gebraucht. Im Nationalpark bayerischer Wald gibt es sogar eine kleine Schreinerei. Die Bevölkerung kann sich direkt einbringen und Einheimische können sich als „Waldführer“ ausbilden lassen.
Die 55 Angestellten des Forstbetriebes Bad Brückenau, der 60 % der Waldfläche an den Nationalpark übergeben würde, werden natürlich in die Nationalparkverwaltung übernommen. Der Verladebahnhof in Bad Neustadt wird auch mit Nationalpark bestehen bleiben.



Wiesen- und Offenlandflächen werden bleiben

Standen nie zur Disposition:
Standen nie zur Disposition: Die typischen Rhöner Wiesen werden auch weiterhin das Landschaftsbild prägen.

Gebietskulisse – Staatswald
Die Gebietskulisse hat sich verändert. Die Wälder im Bereich Schwarze Berge sind nicht mehr als potentielle NLP-Kulisse markiert. Die 10.000 ha Gebietskulisse befindet sich ausschließlich auf Staatswaldfläche (Salzforst, Klauswald, Waldfensterer Forst, Geiersnest Ost). Privatwaldbesitzer, die Wälder innerhalb der Kulisse besitzen dürfen diese weiterhin nutzen und Zufahrtswege müssen gewährleistet bleiben. Man bezeichnet diese Flächen als „Enklaven“. Damit hat man schon Erfahrung denn auch im NLP Bayerischer Wald und NLP Berchtesgaden gibt es solche Flächen.



Kulturlandschaft – Urwald
„Die Landschaftspflege und der Vertragsnaturschutz ist weiterhin wichtig, ist aber völlig unabhängig von einem Nationalpark zu betrachten“, stellt Landrat Habermann klar. Die Rhöner Wiesen- und Offenlandflächen werden bleiben, denn es soll sich um einen Waldnationalpark handeln.

Von den 10 000ha Fläche sollen 75 % aus der Nutzung genommen werden. „Ein Nationalpark wird die Motorsägen aber nicht von einem auf den anderen Tag zum Schweigen bringen“, beruhigt Frau Schuster (Mitarbeiterin Umweltministerium). Es bleiben 30 Jahre Zeit, um den Wald in seinen natürlichen Zustand zurückzuführen. In diesem Zeitraum sind Eingriffe möglich. Die verbleibenden 25% stellen die Pflegezone da. In diesem Bereich können dauerhaft Pflegemaßnahmen durchgeführt werden, bei denen auch Holz anfallen wird.

Erst miteinander reden - dann entscheiden

"Naturwald ist etwas Besonderes".
"Naturwald ist etwas Besonderes". Ein Wald ist auch Lernort für kommende Generationen.

Jagd
Jagd wird weiterhin im Nationalpark stattfinden können. Im Rahmen eines Wildtiermanagements können auch private Jäger miteinbezogen werden. Schäden in angrenzenden Waldflächen müssen unbedingt verhindert werden.

Holz
Wie im Bayerischen Wald auch wird ein Brennholzkonzept ausgearbeitet. Die Brennholzversorgung wird in den üblichen Mengen zu üblichen Preisen garantiert. Auf die Behauptung, dass die Einrichtung eines Nationalpark Geldverschwendung ist konterte Ulrike Scharf gekonnt, dass der Freistaat Bayern sehr sorgfältig mit seinen Ressourcen umgeht und man besser dastehe denn je. Ihr Ministerium habe nicht einmal 2% des gesamten Etats zur Verfügung. „Wir haben die verdammte Verantwortung unsere Natur zu schützen“, erklärte sie sachlich.

Abschließend setzt Habermann das Thema Nationalpark in einen größeren Kontext. „Wir haben 80% Artenverlust, Saatgutverarmung, und das Bienensterben treibt mich um. Intensive Waldwirtschaft können wir überall betrachten, aber ein Naturwald ist etwas Besonderes.“ Die Verantwortlichen betonen den konstruktiven und Ergebnisoffenen Dialog. Dafür stehen Landrat Thomas Bold und Thomas Habermann: Erst miteinander reden und dann aus der Verantwortung für die Region sachlich und fachlich entscheiden.

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