Rhönklub: Sachliche Analyse

Der Rhönklub zeigt, wie´s gehen kann.
Die Chance für die Rhön erkennen und gleichzeitig die eigenen Interessen wahren. Diesen Ansatz verfolgt ein Artikel in „Die Rhön – Wandern & mehr“, der Zeitschrift des Rhönklubs in der Ausgabe 3 / 2017 auf. Weit entfernt von der Fundamentalopposition anderer Verbände wird hier sachlich analysiert und geschlussfolgert. Der Artikel stützt damit den Standpunkt "pro Nationalpark" des Rhönklubs, der sich bereits durch die deutliche Befürwortung eines Nationalparks durch die Hauptnaturschutzwarte des Rhönklubs abzeichnete.

Wir veröffentlichen hier das Manuskript des Artikels, so wie es in Druck gegeben wurde.

Ein Nationalpark Rhön? Macht das Sinn?

Selten hat ein Thema die Rhöner Bevölkerung so emotional aufgewühlt, wie die gegenwärtige Nationalparkdiskussion. Erschreckend dabei ist das hohe Maß an „Fake news“(Falschmeldungen), mit dem versucht wird, Stimmung zu machen. Für den Rhönklub hat Martin Kremer als langjähriges Rhönklubmitglieder die Fakten zusammengetragen und eine Bewertung vorgenommen.

Ausgangslage

Seit Sommer 2016 prüft der Freistaat Bayern die Ausweisung eines dritten, möglichst von der Rotbuche dominierten Nationalparks. U. a. sind der Spessart, die Rhön und der Frankenwald im Gespräch.


Eckpunkte für eine Nationalparkausweisung

§ 24 Bundesnaturschutzgesetz ist die Rechtsgrundlage für die Ausweisung von Nationalparks. Zuständig sind die Bundesländer. Die Ausweisung erfolgt im Rahmen eines Beteiligungsverfahrens. Die Ausweisung basiert auf einem Nationalparkgesetz oder einer Rechtsverordnung, die vom jeweiligen Landesparlament zu beschließen ist. Wesentliche Kriterien sind die Naturnähe, die Flächengröße, das Eigentum, die Beeinträchtigung durch Infrastruktur und das Entwicklungspotential des ausgewählten Gebietes. Für Nationalparke gilt in Deutschland eine Mindestgröße von 10.000 Hektar, wobei der überwiegende Teil des Gebiets die Voraussetzungen eines Naturschutzgebiets erfüllen soll.

Nationalparke sollen auf der mindestens 75 % der Fläche Raum für eine natürliche Dynamik (Wildnisentwicklung / Prozessschutz) bieten. Die möglichen bis zu 25 % Pflegezonen können wertvolle Kulturlandschaftsbereiche oder auch z. B. für die Brennholzwerbung genutzte Waldbereiche sein.

Ein Nationalpark ist im Wesentlichen ein Naturschutzprojekt mit dem Ziel, die Natur so wie sie ist zu schützen. Dabei soll sich die Natur selbst ohne steuernde Eingriffe des Menschen regulieren. Alle Vorgänge in der Natur des Nationalparks sollen als das begriffen werden, was sie sind: natürliche Ereignisse. Neben dem Naturschutz haben Nationalparks aber auch den expliziten Auftrag, den Besuchern das Erleben einer einzigarten Natur zu ermöglichen. Zu den Aufgaben gehören ebenfalls die Umweltbildung, die Forschung sowie die Gestaltung eines ökologisch vertretbaren sanften Tourismus. Auch regionale Wirtschafts- und Strukturentwicklung gehört zu den Aufgaben eines Nationalparks.

Nach den Qualitätskriterien für dt. Nationalparks soll die Fläche möglichst vollständig im Eigentum der öffentlichen Hand liegen.

Nationalparke sind mit einer Schutzgebietsverwaltung (Personalausstattung und Rangersystem) und einer staatlichen Finanzierung auszustatten. Eine Beteiligung der Region ist über Beiräten/Kuratorien sicher zu stellen.

Nationalpark und Biosphärenreservat sind gut vereinbar. Gemäß den Kriterien für die Anerkennung von Biosphärenreservaten kann ein Nationalpark quasi als Kernzone in einem Biosphärenreservat dienen. Beispiele hierfür gibt es z. B. in Berchtesgaden und im Wattenmeer.

Auch muss ein Nationalpark nicht zwingend ein arrondiertes Gebiet darstellen. Die Nationalparke Müritz und Schwarzwald zeigen, dass auch eine Aufteilung auf zwei Flächen möglich ist, wenn die nötigen 10.000 Hektar nicht zusammenhängend bereitgestellt werden können.

Das Beispiel des jungen Nationalparks Hunsrück-Hochwald an der Landesgrenze von Rheinland-Pfalz und Saarland zeigt, dass auch ein länderübergreifender Nationalpark, z. B. von Bayern und Hessen, denkbar wäre.

Meine Einschätzung

Die 16 deutschen Nationalpark haben in der öffentlichen und politischen Wahrnehmung ein deutlich größeres Gewicht als die Biosphärenreservate oder gar die Naturparke. Der Freistaat Bayern geht von 100 festen Stellen und einem jährlichen Budget von 10 Mio. Euro, garantiert für 30 Jahre, aus. Damit wäre ein Nationalpark Rhön ein Job-Motor, der 100 Familien Einkommen bietet. Er wäre ein Kontrapunkt zur Bevölkerungsabwanderung und eine Beschäftigungsoption für viele gut ausgebildete junge Leute der Region. Alle Untersuchungen der Uni Würzburg unter Prof. Job belegen, dass die deutschen Nationalparke auch indirekt Stellen schaffen und gerade für den Tourismus Strahlkraft haben. Ein Nationalpark könnte helfen, die bereits vorhandene touristische Infrastruktur weiter auszubauen. Von der Entwicklung eines Wald-Kur-Angebots, wie von Bad Bocklet beschrieben, könnten die Rhöner Kurorte profitieren.

Die Rhön hat eine hervorragende naturschutzfachliche Qualität. Sie gilt als einer von 30 „Hotspots der Artenvielfalt“ in Deutschland. Die Rhön liegt im Verbreitungsoptimum der Rotbuche. In einer Untersuchung hat das Bayerische Landesamt für Naturschutz wurden 11 verschiedene Laubwaldgesellschaften in der Rhön analysiert – ein Spitzenwert in Deutschland und Ausgangspunkt für eine beachtliche Artenvielfalt. Langfristig hätte ein Rhönnationalpark wohl das Potential, als Weltnaturerbe-Buchenwald-Nationalpark wie der Kellerwald und der Hainich international anerkannt zu werden. Letztlich gibt es wohl keinen besseren Schutz für unser Trinkwasser und die zahlreichen Quellen als ein Nationalpark.

In der Bayerischen Rhön wurde vom Freistaat aktuell (Stand 6.7.2017) eine Suchkulisse von ca. 9000 ha reine Staatswaldfläche in die Diskussion eingebracht. Schwerpunkte sind der Klauswald Süd/ Nord von Bad Kissingen über den Steinacher-/Burgwallbacher Forst und der Salzforst. Weitere 1.000 ha werden also noch gesucht. Wie vorstehend beschrieben, müssen dies aber nicht zwangsläufig kernzonenartige Waldflächen sein, auch wertvolle Offenlandbereiche oder Waldbereiche zur Brennholznutzung sind denkbar. Dabei kann und muss sichergestellt werden, dass die Landnutzer keine finanziellen Nachteile erleiden, z. B. durch spezielle Pflegeverträge oder ein Brennholzkonzept, dass die ortsnahe und staatlich garantierte Brennholzversorgung regelt.

Nationalparke sollen das Erleben von Natur ermöglichen, sie sollen „Schaufenster“ für eine natürliche Entwicklung sein. Das heißt: Besucher sind willkommen! Demzufolge haben Wander-, Reit- und Radwege ihre Berechtigung im Nationalpark. Als Orte der Umweltbildung spielen Nationalparke eine zentrale Rolle. Hier versprechen wir uns eine deutliche Stärkung der bisher schon guten Bildungsarbeit des Biosphärenreservats. Einhergehend wird auch über neue Besucherinformationseinrichtungen und Infozentren zu diskutieren sein. Sicher einen hohen Nutzen von einem Nationalpark hätten die beiden Tierparke Klaushof bei Bad Kissingen und der Wildtierpark Gersfeld. Tierfreigehege sind klassische Besuchermagnete von Nationalparken.

Bislang stößt die Forschung im Biosphärenreservat oft rasch an die Grenzen des Machbaren. Im Nationalpark hat die Forschung einen deutlich höheren Stellenwert. Damit kann wesentlich intensiver in den vielfältigen Lebensräumen der Rhön Grundlagenforschung betrieben werden. Ohne Frage wäre auch dies eine Aufwertung der Rhön.

Eine starke Beteiligungsebene für die Kommunalpolitik und die Interessensvertretungen der Region ist unabdingbar, um eine Nationalparkentwicklung gemeinsam mit den Menschen der Region sicher zu stellen.

In der bisherigen Diskussion hat sich die Suche nach einer Nationalparkkulisse nahezu ausschließlich auf staatliche Waldflächen beschränkt. Denkbar wäre durchaus die Einbeziehung eines Teils der Hochrhön mit Offenlandcharakter. Als Pflegezonen und mit der Maßgabe der Erhaltung als wertvollste Kulturlandschaft mit hoher Artenvielfalt könnten auch Flächen der Langen Rhön vom Status Nationalpark profitieren. Immerhin können bei einem 10.000 ha-Nationalpark bis zu 2.500 ha als Pflegezone und mit dem Ziel der Offenhaltung und des Naturschutzes integriert werden. Vorbild können hier die Almbereiche im Nationalpark Berchtesgaden und die Grinden (Weideflächen in den Hochlagen) im Nationalpark Schwarzwald sein. Bei einem solchen Ansatz wäre ggfs. auch eine Beteiligung der Hessischen Rhön mit einigen Kernzonen am Nationalpark möglich.

Nationalpark Rhön – alles eine Frage des Verhandelns? Ein Deal?

Die Erfahrung zeigt, dass Vieles vom Verhandlungsgeschick und vom Ringen um tragfähige Kompromisse abhängt. Totalverweigerung und „Wutbürgertum“ können kein Ansatz sein. Es gilt, frühzeitig eigene Positionen zu entwickeln und in die Diskussion mit einzubringen. Es gilt, Chancen und Risiken sowie Stärken und Schwächen zu beleuchten.

Der Rhönklub definiert sich satzungsgemäß auch als Naturschutzverband. Er kann damit einer Auszeichnung der Rhön als Nationalpark kaum entgegenstehen. Gleichwohl sollte der Rhönklub als grundsätzlicher Befürworter eigene Interessen wahren. Diese sind z. B.:

  • "Bestandsgarantie von traditionellen Rhönklub-Wanderwegen und der damit verbundenen Beschilderung.
  • Bestandssicherung für etwaige betroffene Rhönklubhütten (incl. Zuwegung).
  • Keine einseitige Schließung von Wanderwegen (z. B. mit dem Argument der fehlenden Wegesicherung).
  • Einbindung des Rhönklubs in die Beteiligungsgremien wie Beirat oder Kuratorium.
  • Ausbildung von ehrenamtlichen Nationalparkführern in Kooperation mit dem Rhönklub (nach DWV- und BANU-Kriterien).
  • Beteiligung des Rhönklubs bei Besucherlenkungs- und Wegekonzeptionen.
  • Entwicklung eines "Rhöner Wildnispfades" im Nationalpark, der zum Naturerleben einlädt.

Ich bin der festen Überzeugung, dass ein Nationalpark viele Chancen bietet und die Rhön stärkt. Es kann aber auch Vieles falsch gemacht werden. Daher muss die Forderung nach einer starken regionalen Interessensvertretung formuliert und von allen Akteuren wie Kommunen, Naturschutz, Waldbesitzer, Tourismus, Gewerbe, Rhönklub, Jägerschaft, etc. mitgetragen und gemeinsam eingefordert werden.


www.wissen-nationalpark.de
www.np3.bayern.de
www.pronationalparkrhoen.de

(Gersfeld, 5.7.2017; Kremer)

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